Macht Weizen kraftlos?

Februar 2015 - Jürg Hösli

Selten wurde eine Diskussion so emotional und hart geführt wie beim Konsum von Weizenprodukten, Gluten usw. Ich versuche auf einfache Art und Weise Zusammenhänge zu liefern, welche sicher nicht abschließend sind. 

Zuerst möchte ich die Problematik darstellen. Pflanzen möchten nicht gefressen werden. Was so einfach tönt, bringt jedoch schon das eigentliche Problem. Pflanzen haben verschiedene Abwehrwehrsysteme, welche dem Feind signalisieren sollen , wenn du mich frisst, dann geht es dir an den Kragen. Darum gehören Pflanzengifte zu den potentesten auf der ganzen Erde. Alle Pflanzen haben Abwehrstoffe, die Frage ist nun grundsätzlich, wie das System Mensch darauf reagiert. 

Der Darm bildet die Schwelle zum Blutkreislauf. Er ist neben verschiedenen anderen Grenzwällen ein Teil der äußeren Abwehrstruktur der Körpers. Ist der Körper bereits in einem Stresszustand mit erhöhtem Abwehrverhalten, gilt dies auch für den Darm (und ebenfalls für die Lunge). Den erhöhten Stresszustand finden wir vor allem, wenn wir dem Körper zu wenige Kohlenhydrate geben, zu hart trainieren oder zu viel psychologischen Stress aufweisen. Der Stresshormonspiegel Cortisol wird erhöht und ergibt einen immunsuppressiven, also senkenden Effekt. Die Logik ist klar: Wird das spezifische Immunsystem im Körper verringert, dann müssen die Grenzwälle schneller reagieren und auf alles schießen, was nach böser Feind aussieht, sehr vereinfacht dargestellt. 

Und hier kommen Abwehrsysteme der Pflanzen ins Spiel. Diese Pflanzenabwehrstoffe werden als Feind erkannt und der Körper reagiert mit einer Hochregulierung des Immunsystems, einer Verdauungsstörung, Veränderung der hormonellen Lage usw. Wir können also bisher festhalten: Es gibt Situationen, in denen das Abwehrverhalten des Darms, bisweilen sogar das ganze Funktionieren des Körpers durch verschiedene Pflanzenbestandteile hoch- oder heruntergeregelt wird. Falls also schon hohe entzündliche Prozesse im Körper stattfinden, der Körper also ausgelastet ist oder „am Anschlag“ ist, überschießt nun der Körper. Diese Überreaktion kann jedoch verschiedene Systeme des Körpers behindern oder sogar beschädigen, wie Darm oder Lunge. 

Was ist jedoch, wenn der Körper nicht hochgeregelt ist durch einen Infekt oder eine entzündliche Erkrankung? Ist es sogar möglich, dass Pflanzenabwehrstoffe das Immunsystem schneller aktiv werden lassen und so interne Feinde schneller bekämpft werden? Auch das könnte sein! In der Diskussion werden Weizen usw. als negativ bezeichnet, darum sollten wir uns auch einmal auf die Suche nach einem anderen Abwehrstoff machen, bei welchem auch positive Effekte bekannt sind. Was sind nun diese Pflanzenabwehrstoffe? Es sind Saponine, Lektine, Amylase-Trypsin-Inhibitoren und viele mehr. Alle haben Einflüsse auf den menschlichen Körper. Saponine zum Beispiel werden sogar als Nahrungsergänzung verkauft. Die steroidalen Saponine beeinflussen den Hormonspiegel. Bei einer Einnahme wird dem Körper eine Information der Hypophyse vorgegaukelt und die beiden Kollegen unten (Hoden) produzieren mehr Testosterone. Saponine können jedoch bei einer Überdosierung hämolytischen Charakter annehmen, also die roten Blutkörperchen zum Platzen bringen. Wir sehen also, es kommt oft auf die Dosierung an. Nun ist es so, dass durch Züchtung von modernen Getreidesorten genau diejenigen Abwehrstoffe, welche auch gegen Schädlinge wirken im Korn gezüchtet werden. Dies sind jedoch genau diese, welche auch beim Menschen eventuell einen negativen Effekt haben. Sobald wir mehr dieser Abwehrstoffe zu uns nehmen, desto mehr wird auch ein Nahrungsmittel allergen. Urdinkel und ähnliche ursprüngliche Sorten sind möglicherweise besser verträglich. Dies können wir in Beratungen oft nachvollziehen. 

Bei aller Wissenschaft. Wir können heute erst wenige Aussagen über die Einnahme von Pflanzen mit einem höheren Anteil von Abwehrstoffen machen. Sicher ist, dass die Abwehr den „Tod“ einer Pflanze überlebt, im Gegensatz beim Tier. Einige können durch Erhitzen neutralisiert werden, andere wiederum nicht. Wir haben noch zu wenig Ahnung, weil eine Forschung in diesem breiten Feld nahezu unmöglich ist, zu viele Störfaktoren ergeben sich. Umso mehr sollten wir uns differenziert um dieses Thema kümmern, ohne Verdammen von Lebensmitteln, wie es heute geschieht. „Gluten (Weizenkleber) verklebt unseren Darm“, solche und ähnliche Aussagen sind die Folge einer kompletten Orientierungslosigkeit in der Ernährung und von Laiendarstellungen in verschiedenen Foren. Es werden unglaublich viele Halb- und Unwahrheiten verbreitet. Dies bildet für mich die Brutstätte von Büchern, welche vor allem verkauft werden wollen. In diesen wird Weizen und ähnliches als der Todbringer und Stupidmacher bezeichnet. Diese Darstellungen haben für mich den gleichen Charakter wie die Feinstaub-Diskussion vor einigen Jahren. Plötzlich wurden Fernsehsendungen zum Thema gemacht, Bücher erschienen, heute hören wir kaum noch darüber. Sobald die Politik aufmerksam wird und einen Gewinn daraus schlagen will, Wissenschaftler sich profilieren wollen und vor allem Geld machen, dann wird aus Weizen der böse Feind. Dem Gegenüber sollen Süsskartoffen, welche ebenfalls Solanin also ein Saponin enthalten können als bedenkenlos erachtet. Der Verkauf von Büchern heiligt die pseudowissenschaftlichen Mittel. So geht das aber nicht. Sobald wir im Körper latent entzündliche Prozesse haben (Arthrose usw.) macht es durchaus Sinn, jene Lebensmittel vielleicht wegzulassen, welche schlechter verträglich sind. Diese ist jedoch komplett unterschiedlich von Person zu Person. Wir wissen jedoch nicht, ob nicht gerade die Einnahme von schlechter verträglichen Lebensmitteln eventuell sogar die Immunreaktion unterstützt, möglich wäre es durchaus! Zudem sollten Lebensmittel nicht als Ursache für Verdauungsprobleme oder ähnliches betrachtetet werden, sondern nur als Symptom. Eine Ursache ist ein physiologischer oder psychologischer Stress, welcher den Körper schon geschwächt hat. 

Wir wissen noch verdammt wenig, und es hilft auch nicht, wenn wir Lebensmittel einfach verteufeln. Ich habe mich dieses Jahr dem Studium von genau diesen Prozessen verschrieben, weil ich denke, dass Antworten vor allem durch die komplexe Analytik der Ernährungsdiagnostik möglich sind. Ich bin gespannt, was ich und meine Studenten alles herausfinden werden und freu mich aufs lernen.

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